Übungsaufgaben TMS & TMSnat Stand

Textverständnis: Übungstext mit Fragen und Lösung (TMS & TMSnat)

Im Textverständnis liest du längere wissenschaftliche Sachtexte und beantwortest Fragen dazu. Geprüft wird, wie genau du liest: Die richtige Antwort steht im Text oder folgt zwingend daraus. Eine Aussage, die fachlich stimmt, aber im Text nicht vorkommt, ist falsch.

Unten steht ein Text mit vier Fragen in steigender Schwierigkeit. Die Absätze sind nummeriert, damit du die Erklärungen leichter zuordnen kannst. Lies auf Wiederfinden, nicht auf Behalten: Du darfst jederzeit zurück in den Text.

Im TMS
24 Fragen · 60 min
Im TMSnat (geplant)
20 Fragen · 50 min
Zeit pro Frage
2,5 min
Auf dieser Seite
1 Text · 4 Fragen

Text und Fragen

Erst den Text lesen, dann die Fragen. Antwort anklicken oder mit den Tasten A bis E wählen, dann „Antwort prüfen“ oder Enter.

Text

Die saltatorische Erregungsleitung

  1. Die Übertragung von Informationen im Nervensystem basiert auf der Fortleitung elektrischer Signale, sogenannter Aktionspotentiale (APs), entlang der Axone von Nervenzellen. Ein Aktionspotential ist eine kurzzeitige, stereotype Umkehrung des Membranpotentials, die sich selbstständig entlang des Axons ausbreitet. Die Effizienz und Geschwindigkeit dieser Ausbreitung, auch Propagation genannt, ist entscheidend für die Funktion des Organismus. Grundsätzlich werden zwei Modi der Erregungsleitung unterschieden: die kontinuierliche und die saltatorische Leitung, wobei letztere eine evolutionäre Anpassung für hohe Geschwindigkeiten darstellt.

  2. Bei der kontinuierlichen Erregungsleitung, die für unmyelinisierte Axone typisch ist, muss das Aktionspotential an jeder Stelle der Axonmembran neu generiert werden. Dies geschieht durch den Einstrom von Natriumionen (Na+) durch spannungsgesteuerte Na+-Kanäle, was zu einer Depolarisation des nachfolgenden Membranabschnitts führt. Dieser Prozess ist vergleichbar mit einer Zündschnur, die langsam abbrennt. Er ist zwar zuverlässig, aber relativ langsam, mit Geschwindigkeiten von nur etwa 0,5 bis 2 Metern pro Sekunde (m/s), und zudem energetisch aufwendig, da die Ionenkonzentrationen nach jedem AP aktiv wiederhergestellt werden müssen.

  3. Um die Leitungsgeschwindigkeit drastisch zu erhöhen, hat sich die saltatorische (springende) Erregungsleitung entwickelt. Das Schlüsselmerkmal ist die Myelinscheide, eine lipidreiche, elektrisch isolierende Hülle, die das Axon in Segmenten, den Internodien, umgibt. Diese Myelinscheide wird im peripheren Nervensystem (PNS) von Schwann-Zellen gebildet, wobei eine Zelle jeweils ein einzelnes internodales Segment eines einzigen Axons umwickelt. Im Zentralnervensystem (ZNS), bestehend aus Gehirn und Rückenmark, wird diese Aufgabe von Oligodendrozyten übernommen, die mit ihren Fortsätzen Segmente von bis zu 50 verschiedenen Axonen gleichzeitig myelinisieren können. Die Myelinscheide verhindert den Ionenfluss über die Membran in den Internodien und reduziert den Verlust des elektrischen Stroms.

  4. Die Myelinisierung ist jedoch nicht durchgehend. Sie wird in regelmäßigen Abständen von etwa 1-2 Millimetern von den sogenannten Ranvier-Schnürringen unterbrochen. Nur an diesen unmyelinisierten Knotenpunkten findet sich eine extrem hohe Dichte an spannungsgesteuerten Na+-Kanälen. In den myelinisierten Internodien hingegen ist die Dichte dieser Kanäle sehr gering. Stattdessen sind dort vermehrt spannungsgesteuerte Kaliumkanäle (K+-Kanäle) lokalisiert, die zur Stabilisierung des Ruhepotentials beitragen. Das Aktionspotential springt nun von einem Ranvier-Schnürring zum nächsten, da der passive Stromfluss durch das Internodium ausreicht, um den nächsten Schnürring zur Schwelle zu depolarisieren und dort ein neues AP auszulösen. Dieser Mechanismus ermöglicht Geschwindigkeiten von bis zu 120 m/s.

  5. Die Integrität der Myelinscheide ist für eine funktionierende Nervenleitung unerlässlich. Bei demyelinisierenden Erkrankungen wie der Multiplen Sklerose (MS) wird die Myelinscheide im ZNS durch eine Autoimmunreaktion, also einen Angriff des körpereigenen Immunsystems auf die Oligodendrozyten, zerstört. Dadurch werden die Internodien freigelegt, die aufgrund ihrer geringen Na+-Kanaldichte nicht in der Lage sind, ein Aktionspotential effizient weiterzuleiten. Die Folge ist eine drastisch verlangsamte oder vollständig blockierte Signalübertragung, was zu den vielfältigen neurologischen Ausfällen bei MS-Patienten führt.

  6. Pharmakologische Ansätze können an verschiedenen Punkten der Erregungsleitung ansetzen. Lokale Anästhetika wie Lidocain wirken, indem sie spannungsgesteuerte Na+-Kanäle reversibel blockieren. Dadurch wird die Generierung von Aktionspotentialen unterbunden, was zur lokalen Schmerzunempfindlichkeit führt. Ein anderer Wirkstoff, 4-Aminopyridin (4-AP), ist ein Blocker für spannungsgesteuerte K+-Kanäle. In demyelinisierten Axonen von MS-Patienten kann 4-AP die Repolarisation verzögern und das Aktionspotential verlängern. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass der abgeschwächte elektrische Impuls den nächsten Ranvier-Schnürring erreicht und die Leitung aufrechterhalten wird, was zur Linderung einiger Symptome beitragen kann.

Frage 1 von 4leicht

Welche der folgenden Aussagen beschreibt einen im Text genannten Unterschied zwischen kontinuierlicher und saltatorischer Erregungsleitung korrekt?

A–E wählen Enter prüfen

Lösung und Erklärung

Richtig ist D: Die kontinuierliche Erregungsleitung ist typisch für unmyelinisierte Axone.

Option (D) ist korrekt und wird im zweiten Absatz explizit genannt ('für unmyelinisierte Axone typisch'). (A) beschreibt die saltatorische, nicht die kontinuierliche Leitung. (B) ist eine Umkehrung der Tatsachen, die saltatorische Leitung ist schneller. (C) ist falsch, beide Leitungsarten benötigen Na+-Kanäle. (E) ist aus dem Text nicht ableitbar und zudem falsch, da Anästhetika an den Kanälen wirken, die auch bei kontinuierlicher Leitung vorhanden sind.

Frage 2 von 4mittel

Welche Aussage(n) zu den zellulären und molekularen Grundlagen der Erregungsleitung lässt/lassen sich aus dem Text ableiten?

  • ISchwann-Zellen können mit ihren Fortsätzen Segmente von mehreren verschiedenen Axonen gleichzeitig myelinisieren.
  • IIIn den myelinisierten Internodien ist die Dichte an spannungsgesteuerten Natriumkanälen besonders hoch.
  • IIIEine hohe Dichte an spannungsgesteuerten Natriumkanälen ist charakteristisch für die Ranvier-Schnürringe.
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Lösung und Erklärung

Richtig ist B: Nur Aussage III

Aussage III ist korrekt, der Text besagt, dass an den Ranvier-Schnürringen eine 'extrem hohe Dichte an spannungsgesteuerten Na+-Kanälen' zu finden ist. Aussage I ist falsch; diese Beschreibung trifft auf Oligodendrozyten im ZNS zu, nicht auf Schwann-Zellen im PNS (Verwechslung). Aussage II ist falsch; der Text sagt, dass in den Internodien die Dichte dieser Kanäle 'sehr gering' ist (Umkehrung).

Frage 3 von 4mittel

Welche Aussage bezüglich der im Text beschriebenen pharmakologischen Substanzen ist korrekt?

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Lösung und Erklärung

Richtig ist E: 4-Aminopyridin kann die Repolarisation in demyelinisierten Axonen durch die Blockade von Kaliumkanälen verzögern.

Option (E) fasst den im letzten Absatz beschriebenen Wirkmechanismus von 4-AP korrekt zusammen. (A) ist falsch, Lidocain blockiert Na+-Kanäle. (B) ist eine Überdehnung; der Text beschreibt die Wirkung nur für demyelinisierte Axone. (C) ist falsch, 4-AP (nicht Lidocain) wird bei MS eingesetzt. (D) ist eine Verwechslung der Wirkmechanismen; 4-AP blockiert K+-Kanäle, nicht Na+-Kanäle.

Frage 4 von 4schwer

Geht man von einem Patienten mit fortgeschrittener Multipler Sklerose aus, welche der folgenden Aussagen lässt/lassen sich auf Basis des Textes schlussfolgern?

  • IDie Leitungsgeschwindigkeit in den betroffenen Axonen des Zentralnervensystems kann der von unmyelinisierten Fasern ähneln.
  • IIEine Behandlung mit einem Wirkstoff, der die Aktivität von Schwann-Zellen stimuliert, würde die Symptome des Patienten lindern.
  • IIIDie geringe Dichte an spannungsgesteuerten Natriumkanälen in den ehemals myelinisierten Bereichen trägt zur Blockade der Signalübertragung bei.
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Lösung und Erklärung

Richtig ist D: Nur die Aussagen I und III

Aussage I ist korrekt. Der Text besagt, dass die Leitung bei MS 'drastisch verlangsamt' wird, was einer langsamen, kontinuierlichen Leitung in unmyelinisierten Fasern nahekommt. Aussage III ist ebenfalls korrekt. Der Text erklärt, dass Internodien eine 'geringe Na+-Kanaldichte' haben, was nach einer Demyelinisierung die Weiterleitung verhindert. Aussage II ist falsch. MS ist eine Erkrankung des ZNS, wo Oligodendrozyten myelinisieren. Schwann-Zellen sind im PNS aktiv und eine Stimulation hätte daher keinen Effekt auf die MS-Pathologie (Verwechslung).

So liest du Sachtexte im Test

Erst die Struktur. Ein schneller Durchgang klärt, was der Text tut: Beschreibt er einen Mechanismus, stellt er zwei Verfahren gegenüber, nennt er Ausnahmen? Absatzanfänge und Wörter wie „dagegen“ oder „daher“ tragen dabei mehr als jedes Detail.

Die vier üblichen Fallen kennen. Umkehrung (B führt zu A statt A zu B), Übertreibung (aus „kann“ wird „immer“), Verwechslung zweier ähnlicher Begriffe und eine Aussage, die stimmt, aber nicht im Text steht.

Bei zwei verteidigbaren Optionen zurück in den Text. Den Satz suchen, um den es geht, und ganz lesen, mit Nebensatz und Einschränkung. Die Option, die innerhalb dieser Einschränkung bleibt, ist meist die richtige.

I, II und III einzeln entscheiden. Erst ein Plus oder Minus neben jede Aussage, dann die Kombination suchen.

Ausführlich, mit einem durchgerechneten Beispiel: Textverständnis: Aussagen sauber am Text prüfen

Fragen

Wie viel Zeit habe ich im Textverständnis?

Im TMS sind es 60 Minuten für 24 Fragen, für den TMSnat sind 50 Minuten für 20 Fragen geplant (Stand 26.06.2026). Die Zeit fürs Lesen der Texte ist darin enthalten.

Muss ich mir den Text merken?

Nein. Der Text liegt dir während der Bearbeitung vor. Es hilft, beim ersten Lesen nur zu notieren, wo etwas steht, und Details erst nachzuschlagen, wenn eine Frage danach fragt.

Wie übe ich danach weiter?

Mit einem festen Zeitbudget pro Text und einer ehrlichen Nachbereitung: Notiere zu jeder falschen Antwort, welche Falle es war. In openTMS übst du den Untertest im Zeitkorsett des Tests, mit Erklärung zu jeder Frage. Die ersten 2 Wochen sind kostenlos.